"Viel Luft nach oben" - Interview mit unserem Firmengründer und der Blickpunkt:Film

Thema: Filmtheaterkongress Kino 2018

"Viel Luft nach oben"

Patrick Schappert (Bild: Christian Auth, Grobi.TV)

Seine offene Art erfuhr schon beim ICTA-Seminar zur Filmwoche viel positive Resonanz: Grobi.TV-Geschäftsführer Patrick Schappert liest dem Kino die Leviten - und tut dies aus Sicht eines leidenschaftlichen Leinwandfans. Wir sprachen mit ihm anlässlich der Kino 2018.

Mit ihrem Unternehmen Grobi.TV decken Sie Heimkino für alle Bedürfnisse ab - bis hin zur High-End-Lösung. Gleichzeitig pflegen Sie aber auch eine Leidenschaft für die große Leinwand. Was fasziniert einen Home-Entertainment-Experten am Kino?

Das ganz große Bild strahlt natürlich nach wie vor eine besondere Faszination aus. Hinzu kommt, dass das Kino immer noch der Ort ist, in dem ich die großen Filme zum Start sehen kann. Dann also, wenn sie im Gespräch sind - und das zusammen mit Familie, Freunden, etc... Das Kino ist definitiv ein Gemeinschaftserlebnis. Und wenn ich Erlebnis sage, dann gehört dazu in der Regel ja auch noch ein Begleitprogramm, wie im Rahmen des Filmbesuchs noch gemeinsam etwas essen oder trinken zu gehen. Idealer Weise natürlich in einer Kino-Gastronomie.

Würde es Ihr Nutzungsverhalten denn grundlegend verändern, wenn Filme zeitgleich zum Kinostart auch auf anderen Plattformen verfügbar wären?

Ja, ganz klar. Und ich bin hundertprozentig ¸berzeugt, dass sich diese Aussage verallgemeinern ässt. Ein völliger Verzicht auf das Auswertungsfenster wäre meiner Ansicht nach für die allermeisten Kinos tödlich. Sollte es dieses Zeitfenster nicht mehr geben, könnten allenfalls noch jene Häuser überleben, die wirklich außergewöhnlichen Service und Komfort bieten. 08/15-Häuser hätten keine Chance mehr.

Man darf wohl davon ausgehen, dass Sie als Experte einen besonders kritischen Blick auf die Technik pflegen. Ganz allgemein gesprochen: Wie ist es diesbezüglich um die deutschen Kinos bestellt?

Da ist leider sehr viel Luft nach oben - wobei Ausnahmen die Regel bestätigen, wie man so schön sagt. Meinen eigenen Erfahrungen nach gibt es in den meisten Fällen doch immer wieder Nachlässigkeiten, mit denen ich als Gast nicht glücklich sein kann. Ich bin ja durchaus jemand, der aufsteht und beim Personal Bescheid gibt, wenn beispielsweise mit dem Ton etwas nicht in Ordnung ist. Aber abgesehen davon, wie ärgerlich es ist, den Saal verlassen zu müssen, gilt es dann ja auch erst einmal jemanden zu finden, der einem weiterhelfen kann. An dieser Stelle war die Digitalisierung aus Besuchersicht sicherlich kein Vorteil, denn die damit einhergegangenen Personaleinsparungen gingen auch zu Lasten des Service am Kunden.

Generell hört man aber eher, dass Gäste, die sich während einer Vorstellung beschweren, die absolute Ausnahme seien. Ist das Publikum am Ende nicht so kritisch?

Das sehe ich definitiv nicht so. Ich halte die Einstellung, der Kunde sei relativ unkritisch und würde bestimmte Mängel gar nicht wirklich bemerken, für völlig falsch und wirtschaftlich schädlich. Ich bin überzeugt, dass tatsächlich nur ein kleiner Teil derjenigen, die etwas an einer Vorstellung auszusetzen haben, tatsächlich aufsteht, um Abhilfe zu verlangen. Aber ein schlechtes Erlebnis bleibt definitiv negativ im Hinterkopf haften. Und die Überlegung geht am Ende nicht nur in die Richtung, ob man speziell das fragliche Haus noch einmal aufsucht, sondern ob man künftig generell noch einmal ins Kino geht - was vor allem für sporadische Kinogänger gilt.

Beruht diese Einschätzung auf Gesprächen mit Ihren Kunden?

Genau so ist es. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Unsere Kunden investieren nicht etwa deswegen in hochwertige Anlagen in ihren eigenen vier Wänden, weil sie dem Kino grundsätzlich abgeschworen hätten. Ganz im Gegenteil. Wir sprechen von Filmfans, die zu einem ganz überwiegenden Teil weiterhin regelmäßig ins Kino gehen - oder gehen würden, wenn die Leistung aus ihrer Sicht stimmen würde. Aber wir erleben immer wieder, wie erstaunt die Leute darüber sind, wir gut wir mit unseren Geräten gegenüber dem abschneiden, was sie aus ihrem Kino kennen. Dabei sprechen wir von Ärgernissen, die abzustellen eine Selbstverständlichkeit sein sollte - und definitiv kein Hexenwerk wäre.

Den Puls an der Technik: Die Mitarbeiter von Schappert sind alle ausgewiesene Filmfreaks (Bild: Christian Auth, Grobi.TV)

Was wird denn vorrangig moniert?

Im Grunde die "Klassiker": Unscharfes und zu dunkles Bild, schlechter Kontrast, fehlender Cache, knarziger Ton. Wobei ich in Sachen Ton beinahe Mitleid mit den Betreibern habe, denn man hört nicht nur etwa, wenn auch häufiger, der Ton sei im Kino zu leise und ließe Dynamik vermissen. Sondern auch die Beschwerde, dass er viel zu laut gewesen sei, kommt mir - und soweit ich gehört habe auch den Kinobetreibern - ein ums andere Mal zu Ohren. Offenbar ist es eine echte Herausforderung, an dieser Stelle die richtige Balance für alle Gäste zu finden. Was in Punkto Beschwerden aber wirklich heraussticht, ist das Thema 3D - und das kann ich wirklich nachvollziehen. Denn meiner Ansicht nach ist das Thema 3D von der gesamten Industrie beinahe von Beginn an verhunzt worden. Auf der einen Seite von den Kinos, weil kaum eines die Projektionstechnik hatte, um 3D-Filme mit ausreichender Helligkeit darzustellen und sich zudem Nachlässigkeiten bei Wartung und Pflege im 3D-Bereich besonders stark bemerkbar machen. Auf der anderen Seite von der Filmindustrie, die mitunter schlicht minderwertiges Produkt angeboten hat. Auf "Avatar" konnte man sich nicht ausruhen, aber was danach kam, war oft miserabel, geradezu Etikettenschwindel. Auch heute erlebt man immer wieder 3D-Filme, bei denen der angepriesene räumliche Eindruck nicht der Rede wert ist. Das größte Problem bei 3D ist aber tatsächlich die Projektionsqualität, das hat viele Leute nachhaltig abgeschreckt.

Auch das kristallisiert sich für Sie aus persönlichen Gesprächen heraus?

Absolut. Auf einen etwaigen Wunsch nach 3D angesprochen, hören wir von unseren Kunden regelmäig, dass man das nicht brauche, dass es schlicht nicht gefallen habe. Aber wenn wir mit unseren Beamern zeigen, was bei ausreichender Helligkeit und Schärfe möglich ist, ändert sich diese Einstellung oft. Das zeigt doch ganz klar, dass sie als Kinobesucher durchaus etwas gemerkt haben, als sie mit einem schlechten Erlebnis konfrontiert waren. Sie haben das vielleicht nicht direkt vor Ort moniert, aber dennoch Konsequenzen gezogen.

Dennoch hat sich 3D im Home Entertainment doch längst in eine Nische verabschiedet, während die Nachfrage im Kino (zumindest in Deutschland) bis 2017 über etliche Jahre sogar zugenommen hat.

Das ist ja das Tragische! 3D ist doch an sich wie geschaffen für die große Leinwand. TV-Bildschirme in den haushaltsüblichen Größen waren dafür nie wirklich geeignet. Mich selbst hat 3D auf einem Fernseher nie überzeugt. Wenn man aus ein paar Metern Entfernung auf so ein Fensterchen blickt, dann wirkt das einfach nicht. 3D lebt von der Größe! Bei Beamern funktioniert das hingegen hervorragend, aber leider sprechen wir hier nicht von einem Massenmarkt. Tatsächlich lassen auch die ersten Hersteller von Beamern 3D bereits fallen - sehr zur Enttäuschung von 3D-Fans, die es nach wie vor gibt. Vielleicht erleben wir ja eine Renaissance, wenn 100-Zoll-TVs zum Standard werden. Aber dann müsste man das Thema vermutlich noch einmal neu aufsetzen.

Auf welche technischen Spezifikationen legen Ihre Kunden bei Anschaffungen fürs Heimkino denn besonderen Wert?

Alleine darüber könnten wir jetzt mehrere Stunden sprechen [Lacht]. Aber um es denkbar knapp darzustellen: 4K ist natürlich ein ganz wichtiges Thema und mittlerweile geradezu Standard. Tatsächlich haben wir zu den Ersten gezählt, die schon vor rund sechs Jahren 4K-Heimkino-Projektoren von Sony verkauft haben. Knapp 20.000 Euro wurden da pro Gerät fällig - und wir haben richtig gute Absätze damit gemacht. Ein anderer Schwerpunkt liegt konsequenter Weise auf allem, was mit Hochkontrastbildern, also HDR zu tun hat. Da haben wir im Home-Entertainment allerdings ein Riesenproblem mit den verschiedenen Standards, das verwirrt die Verbraucher ungemein. Und last but not least steht 3D-Sound ganz klar im Fokus, getrieben vor allem durch Dolby Atmos. Mit entsprechenden Wünschen haben wir bei Grobi.TV jeden Tag intensiv zu tun, wobei wir feststellen, dass unsere Kunden diesbezüglich sehr gut informiert sind. Nicht zuletzt als Upgrade zu bestehenden Surround-Anlagen ist 3D-Ton ein extrem spannendes Thema. Denn mit dem Wechsel zu 4K-Bild geht oft auch der Bedarf nach einem neuen Verstärker einher. Und mit ein paar Lautsprechern mehr kann man zuhause eine Tonqualität erreichen, die jene etlicher Kinos aussticht.

Entertainment für höchste Ansprüche präsentiert Grobi.TV im hauseigenen (Heim-)Kinosaal (Bild: Christian Auth, Grobi.TV)

Eine Wohnzimmer-Anlage soll es mit Kinoinstallationen aufnehmen können?

Sie müssen sich bewusst machen, wovon wir sprechen. Von bislang ungenutztem Potenzial! Um das deutlicher zu machen: 3D-Ton lässt sich ja nicht nur mit nativen Tonspuren von Dolby Atmos, Auro 3D oder DTS:X erzeugen. Sogenannte Upmixer sind in der Lage, selbst Stereo-Basissignale so genau zu analysieren, dass die nötigen Informationen daraus gezogen werden. Besonders beeindruckend fällt das bei der Auro-Matic aus, die tatsächlich den vielleicht wichtigsten Anreiz darstellt, sich für zuhause mit 3D-Ton zu beschäftigen. Denn im Prinzip lassen sich damit sämtliche Filme in oftmals absolut beeindruckendem Raumklang erleben. Wir haben es bei neueren Filmen auf Blu-ray sogar schon erlebt, dass ein Upmix den dort aufgespielten nativen 3D-Ton ¸bertraf. Ich kann noch nicht zu viel verraten - aber das Thema "Upmix" könnte demnächst auch für Kinos spannend werden.

Tatsächlich pflegen Sie ja bereits punktuelle Kooperationen mit Kinobetreibern.

Das ist richtig, wir haben eine tolle Kooperation mit dem Haus Zoar von Oral Karaarslan in Mönchengladbach. Dort haben wir unlängst in drei Reihen Körperschallwandler der Marke IBeam installiert. Mit herausragenden Resultaten - diese Plätze sind seither regelmäßig die ersten, die gebucht werden, trotz der zwei Euro Zuschlag. Wir sind dem Betreiber beim Preis entgegengekommen und können im Gegenzug auf der Leinwand dafür werben, dass wir diese Technologie auch für Zuhause anbieten. Das schafft nicht den allergeringsten Konflikt. Denn auch wenn wir dadurch Kunden gewinnen, gehen sie einem Kino nicht verloren, das ein tolles Erlebnis bietet. In seinem neuen Haus in Dormagen sind wir wiederum neue Wege gegangen, was die "Digital Signage" anbelangt. Denn statt des üblichen Infomonitors haben wir dort im Foyer einen auf Lasertechnologie basierenden Kurzdistanz-Beamer installiert, der 20.000 Stunden Laufzeit hat und für rund 3000 Euro ein Riesenbild von drei Metern Breite an die Wand wirft - und das bei normalen Lichtverhältnissen. Damit Werbung und Trailer zu spielen, ist viel eindrucksvoller, als auf einem ausgelutschten 55-Zöller. Man kann auch mit ¸berschaubarem Aufwand für Aufmerksamkeit sorgen, man muss sich nur informieren.

Aber ist es aus Ihrer Sicht um die technische Ausstattung der Kinos denn wirklich so schlecht bestellt, wie es bislang durchklingt?

Nein, durchaus nicht. Tatsächlich glaube ich, dass viele Kinos sehr viel besser sind, als es nach außen hin manchmal den Anschein hat. Oder sagen wir: Sehr viel besser sein könnten. Denn wie gesagt besteht ein großes Problem darin, dass vorhandene Technik nicht optimal genutzt wird. Offenbar mitunter auch aus Kostengründen, wenn z.B. Projektorenlampen nicht rechtzeitig ausgewechselt werden. Generell fehlt es auch oft an der nötigen Sorgfalt, womit wir wieder bei den negativen Aspekten der Digitalisierung wären. Jüngst habe ich erlebt, dass ein Kinobetreiber im Vorführraum zum Fernglas griff - weil er nur aus der Ferne kontrollieren könne, ob alles in Ordnung sei oder er nachjustieren müsse. Wäre jeder so sorgfältig, es gäbe kaum Grund zur Klage - aber ich fürchte, dass das die absolute Ausnahme war. Teilweise machen es sich die Kinos auch unnötig selbst schwer, wenn sie nicht mit den Pfunden wuchern, die sie haben. Warum verstecken sich die technischen Angaben auf so vielen Kino-Websites im virtuellen Kleingedruckten? Und warum gibt es immer noch so viele Betreiber, die Marketing im Netz als Nebensache zu empfinden scheinen? Wie Sie wissen, besuche ich ja regelmäßig herausragende Kinos und erstelle Beiträge für unseren YouTube-Kanal, mittlerweile fast 20 an der Zahl. Ich wundere mich dann schon, weshalb Manche es nicht geschafft haben, diese Videos selbst auszuspielen. Denn diejenigen, die es getan haben, berichten mir von enorm positiver Resonanz. Schließlich sprechen wir bei diesen Besuchen von Kinos, die ganz, ganz viel richtig machen.

Immersiver 3D-Ton zählt zu den wichtigsten Geschäftsfeldern von Grobi.TV (Bild: Christian Auth, Grobi.TV)

Wie wählen Sie denn eigentlich die Häuser aus, die Sie für ihre Videos besuchen?

Zu Beginn war es so, dass ich mir einfach Kinos angesehen habe, über die in den Medien sehr positiv berichtet wurde. Mittlerweile bekommen wir aber immer häufiger Vorschläge von Kinofans, die uns auf "ihr" Haus aufmerksam machen. Tatsächlich könnte ich auf Basis dieser Empfehlungen gut und gerne jede Woche zwei Filme drehen. Denn um das bei aller Klage noch einmal festzustellen: Kino ist an sich ein großartiges Erlebnis. Eines das keinen Vergleich scheuen muss, wenn es richtig aufgestellt ist.

Was ist Ihnen bei Ihren Besuchen besonders positiv aufgefallen?

Das ist schwer in wenige Worte zu fassen, denn diese Kinos setzen ganz unterschiedliche Schwerpunkte. Aber eines haben sie alle gemeinsam: Kinomacher, die wirklich mit großer Leidenschaft dabei sind. Leute, die sicherlich keinen Acht-Stunden-Tag haben. Die versuchen, mit ihren teils ganz unterschiedlichen Möglichkeiten etwas Besonders auf die Beine zu stellen. Nur um zwei Beispiele zu nennen: Im Filmpalast Lüdenscheid, einem ganz wunderbaren Kino, das teils unter Denkmalschutz steht, gibt es im mittleren Sitzbereich des großen Saals eine "Cloud Lounge" mit Liegen und IBeam-Technik, die auch in der VIP-Loge im hinteren Bereich zum Einsatz kommt. Der Betreiber des Kino Lahnstein wiederum kooperiert mit der örtlichen Brauerei und bietet ein eigenes Kinobier an. Kurz gesagt treffe ich immer wieder auf unfassbar tolle Menschen, die das Thema Kino leidenschaftlich leben - und das vor allem auch auf ihre Mitarbeiter ¸bertragen. Wenn das mehr Schule machen könnte, wäre dem Kino sehr geholfen.

Können Sie hinsichtlich der technischen Ausstattung einen Vergleich zu Kinos in anderen Ländern ziehen?

Kaum, dazu bin ich zu selten im Ausland. Was aber sogar mir auffällt: In Holland und auch in Österreich scheint man ein wenig dynamischer zu agieren, vielleicht auch mal ein gewisses Wagnis einzugehen. Das haben mir auch schon einige Leute aus der Branche bestätigt. In Deutschland hingegen hat man den Eindruck, dass teils unfassbar lange abgewogen wird. Ich verstehe ja nicht - und das habe ich offenbar mit meinen Kunden gemein - dass es hierzulande noch kein Dolby Cinema und nicht einmal eine Handvoll Imax-Säle gibt. Klar, dahinter stehen erhebliche Investitionen. Aber zumindest im Kleinen müsste man öfter versuchen, neue Ideen einfach mal umzusetzen. Und dann auch anständig damit zu werben!

Haben Sie denn ein persönliches Lieblingskino?

Hier in der Region ist es das Haus Zoar. Ein wunderschönes Kino, auch wenn es gerne noch etwas größer sein könnte. Und wenn ich in Nürnberg leben würde, wäre ich sicherlich des Öfteren in einem der Deluxe-Säle des Cinecitta. Das ist es, was ich mir unter einem generationenübergreifenden Angebot vorstelle.

Das Gespräch führte Marc Mensch

Quelle: Blickpunkt:Film

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